Gesprächsstoff

Ausstellung des Projekts KunstSchauFenster von Olena Balun war ein voller Erfolg

DAS IST ALLES NUR IN DEINEM KOPF

Gut besucht war die Ausstellung im designbüro x-height im Rahmen des Projekts KunstSchauFenster, kuratiert von Olena Balun

 

Die Ausstellung „Das ist alles nur in deinem Kopf“ zeigt Werke der zwei Rosenheimer Künstler,Hannes Stellner und Bernhard Paul. Das zentrale Thema der Schau ist die Versinnbildlichung der akustischen Empfindungen in der Malerei, Grafik und Bildhauerei. Trotz Wahrnehmung durch unterschiedliche Sinnesorgane sprechen wir sowohl in der Bildenden Kunst als auch in der Musik vom Ton und seiner Färbung, vom rhythmischen Aufbau der Komposition und der Harmonie. Immer wieder nimmt die Bildende Kunst die Herausforderung an, musikalischen Klang durch vermeintlich „stille“ Medien zu wiedergeben. Das wohl bekannteste Beispiel dafür war Wassily Kandinsky.
Für Bernhard Pauls Malerei hat Musik eine enorme Bedeutung. Steve Reich, Frank Zappa, John Cage sind Musiker, die seine Bilder inspiriert haben und deren Kompositionen namensgebend für seine Gemälde waren. Ganz besondere Rolle räumt der Künstler den Werken des deutschen Komponisten Wolfgang von Schweinitz ein, dessen langgezogenen Töne mit der „Neuen Musik“ der Avantgarde des
frühen 20. Jahrhundert vergleichbar sind. Von Schweinitz‘ Kompositionen klingen wie ein Orchester, das sich einstimmt, wie ein Herantasten an eine Tonfolge. Um eine Melodie darin zu erfassen, muss sich der Zuhörer auf die Musik einlassen, ihr Zeit geben.

Bernhard Paul geht ähnlich in seiner Malerei vor. Seine Werke basieren auf einer Abfolge anggezogener, fein nuancierter Linien mit einer subtilen rhythmischen Struktur, die bei längerer Betrachtung immer stärker hervortritt. Wie von Schweinitz in der Musik tastet sich Bernhard Paul in der Malerei an ein harmonisches System heran. Und ähnlich wie der Komponist macht Paul den Entstehungsprozess des Kunstwerkes sichtbar. Die kompositionsbildenden Linien legen offen, an welcher Stelle der Pinsel angelegt und wie lange er ausgestrichen wurde, wie viel Druck die Künstlerhand ausgeübt hat. Diese Werke offenbaren eine große Präzision: jeder Pinselstrich ist eine Entscheidung. Gearbeitet wird auf einer ungrundierten Leinwand, die wenig Korrektur erlaubt. Aber vor allem zeigt diese Arbeitsweise, dass ein Kunstwerk trotz Gefühle und künstlerischer Freiheit nicht willkürlich ist. Dasselbe trifft bei der Musik zu. Jedes „funktionierende“ Kunstwerk ist ein System, auch wenn es nicht sofort erkennbar ist, sagt Bernhard Paul. Die Palette der Ausstellung „Das ist alles nur in deinem Kopf“ ist reduziert, dominierende Töne sind schwarz und weiß, aber auch die sind fein nuanciert mit zahlreichen Schattierungen. Der Klang ist
dementsprechend sehr subtil, ein großer Akzent liegt auf der rhythmischen Gestaltung. Schwarz-weiße Arbeiten malt der Künstler erst seit wenigen Jahren. Die Initialzündung war eine Vorzeichnung für ein buntes Gemälde. Diese Vorarbeit hatte eine beeindruckende Wirkung mit wenigen Strichen erreicht. Als Folge entstand 2014 die „modus“-Serie, die einen vielfältigen Minimalismus an den Tag legt. Hier tritt
die technische Präzision umso stärker hervor und lässt grafische Wurzeln des Künstlers erkennen und seine Herkunft aus dem Offsetdruck (Vgl. Hanna Stegmayer 2010). Anlässlich der aktuellen Ausstellung schuf Bernhard Paul zwei Editionen, die eine technische Herausforderung darstellten, langgezogene, fein differenzierte Pinselstriche in die Drucktechnik der Lithografie zu übertragen. Das Ergebnis lässt staunen.
Wenn Bernhard Pauls Werke eine subtile Auseinandersetzung mit akustischen Erlebnissen zeigen, geht Hannes Stellner auf den ersten Blick viel direkter mit dem Thema um. Seit Jahren arbeitet der Künstler immer wieder an dem Motiv des Ohres. In verschiedenen Größen und aus verschiedenen Materialien wird das Ohr als ein vielfältiges Metapher in den Raum gestellt. Die symbolische Kraft der Werke entfaltet sich situationsbedingt. Sie sind eine Aufforderung zum Aufhorchen und zugleich eine unmittelbare Verkörperung des Hörsinns an sich. In der Kunstgeschichte gilt die Fähigkeit Ohren und Hände gekonnt darzustellen als Beweis für künstlerische Tauglichkeit, weil diese Körperteile nicht gerade einfach zu zeichnen bzw. zu modellieren sind. Hände werden öfter dargestellt als Ohren. Beides hat in der Kunst eine spezielle Aura. Aber wenn die Künstlerhand Assoziationen mit der Schöpfung mit den Renaissance-Meistern wie Michelangelo erweckt, führt das Künstlerohr schnell zu Van Gogh und somit zum Sinnbild der künstlerischen Sensibilität und Verletzlichkeit.
Auch für Hannes Stellner steht das Ohr als für den Menschen und seine Wahrnehmungsfähigkeit. Eines der besonders berührenden Werke der Ausstellung ist eine Sammlung der Abgüsse der Ohren der Schüler des Künstlers, ursprünglich ein Geschenk an den Lehrer. Jedes Ohr
ist mit einem dazugehörigen Namen versehen, so dass die Arbeit einem Gruppenporträt ähnlich ist. Sie verfügt über einen subtilen Humor, greift aber auch tiefer. Sein Körperteil isoliert und schutzlos den anderen zu präsentieren erfordert Mut. Der Lehrer wusste die Geste zu würdigen und umschloss die Sammlung behutsam in einen Schmetterlingskasten. Der Schmetterling hat zwar keine direkten Berührungspunkte mit dem Hörsinn oder der Musik, aber in beiden Fällen ist die Rede von etwas fragilem, flüchtigem. Gerade weil der Klang etwas ephemeres ist, ist seine Darstellung in einem bildnerischen Medium umso schwieriger. Wenn man im Laufe der Kunstgeschichte bei den gegenständlichen Werken nicht die Musikinstrumente zu diesem Zweck verwendete, dann waren es Ohren der handelnden Personen, die durch Positionierung im Bild, perspektivische Drehung und technische Feinheit auffällig in den Vordergrund gerückt wurden. Hieronymus Bosch trieb dieses Prinzip in seinem Triptychon „Garten der Lüste“ bis an die Spitze. Zur Darstellung der „musikalischen Hölle“ (Martina Conrad) hat er einer Anhäufung der Musikinstrumente zwei überdimensionale, vom Körper losgelöste Ohren gegenübergestellt. Die Größe der Ohren steht sowohl für die extreme Empfindlichkeit als auch für den Ausmaß der herrschenden Kakofonie. Der stechende, schneidende Schmerz wird durch einen Pfeil, der die Ohren durchbohrt und ein Messer, das zwischen ihnen steckt, verkörpert. Jegliches Gleichgewicht, für das übrigens das Ohr physikalisch steht, gerät in diesem Werk aus den Fugen. Die großformatigen Ohrenskulpturen von Hannes Stellner suggerieren definitiv auch eine starke Empfindlichkeit. Er verzichtet in seiner Arbeit auf das Beiwerk wie Musikinstrumente und bleibt lakonisch. Die Oberfläche seiner Plastiken lässt aber den suggerierten Klang nachfühlen. Glattes weißes Stuckgips hört sich anders an als raues, körniges Quarzsand wie beim Werk „Teneriffa“, das schon beim Betrachten ein leises Rauschen in unseren Ohren herauskitzelt. So bekommt der Klang taktile Qualitäten. Für Hannes Stellner ist das Ohr, das einen Übergang zwischen der inneren und äußeren Welt markiert, mit einem Kunstwerk vergleichbar, das eine Projektionsfläche zwischen der Ideenwelt des
Künstlers und des Betrachters ist. Im Sinne von Kandinsky: berührt der Künstler durch Form und Farbe seines Werks die Saiten der Seele des Betrachters, gleicht die Wirkung einem musikalischen Erlebnis. Entstehende Melodie bei den „Hörbildern“ wird bei jedem Beschauer eine eigene sein und spielt sich nur in seinem Kopf ab.

Fotos  Verena Mitter